Grüßen verboten? Das Aussterben der Höflichkeit

Grüßen verboten? Das Aussterben der Höflichkeit

Begrüßen wir uns nicht mehr?

Guten Tag, hallo, servus, moin moin, gruezi, überall grüßen wir und werden begrüßt. Oder denken es zumindest. Denn immer seltener sind Begrüßungsformeln zu vernehmen. Ich möchte Ihnen von meinen Beobachtungen berichten und Sie auf diese Tatsache aufmerksam machen – viele haben sich nämlich bereits daran gewöhnt. Ich will Ihnen die Wichtigkeit der Begrüßung darlegen. Vielleicht auch mit der Hoffnung verbunden, das Grüßen nicht ganz zu verlernen.

Kleine Boutique
Boutique

Letzte Woche war ich mit meiner Frau beim Einkaufen. Und wie es nun mal so ist, wenn man mit seiner Frau einkaufen geht, sind wir auch in eine Boutique eingebogen. Das heißt: eigentlich ist meine Frau eingebogen und ich bin hinterher. Drinnen war eine mittelalte Verkäuferin mit irgendwelchen Dingen hinter der Theke beschäftigt. Ich rief ein fröhliches „Grüß Gott“ in den leeren Laden und die Verkäuferin zuckte hoch. Sie hat ein wenig gelächelt, aber nichts gesagt, sondern mich einfach wortlos angeglotzt.

Nun gibt es ja inzwischen in den meisten Boutiquen so einen Männerstuhl, auf dem wir abgesetzt werden, während unsere liebe Frau alles Mögliche anprobiert. Man gibt uns etwas zu Lesen wie beim Friseur, ein Glas Wasser und je nach Preisklasse der Boutique auch einen Espresso oder sogar ein Glas Sekt, damit wir leichter in Zahl-Laune geraten. Und dann sitzt man als Mann da herum und kann Studien betreiben.

Gruß-los im Geschäft

Als erstes fiel mir auf, dass die Verkäuferin keine einzige Kundin begrüßte, die zur Tür herein kam. Oder sollte ich sagen „Käuferin“? Eigentlich waren sie nicht mal das, denn sie haben sich alle mehr oder weniger kurz umgeschaut und sind wieder gegangen, ohne irgend etwas zu kaufen. Und als zweites war ich völlig erstaunt, dass auch keine der Damen eine Begrüßung durch die Verkäuferin vermisste: Sie kamen herein, schauten sich um und gingen wieder. Und die Verkäuferin stand im Laden, schaute ebenfalls herum und verkaufte nichts. Mit aktivem Kundenservice hatte das nichts zu tun. Es kam mir so vor, als ob sie nur dafür bezahlt würde, den Laden zu bewachen und ein wenig aufzuräumen. Und weil ich sowieso nichts zu tun hatte, begann dann eben ich, die hereinkommenden Damen zu begrüßen. Weil ich’s bequemer und auch amüsanter fand, blieb ich allerdings auf meinem Männerstühlchen sitzen. Ich war halb verdeckt von einer Staude, hinter der ich da saß und als die nächste Dame den Laden betrat, rief ich fröhlich „Grüß Gott“ in den Raum.

Erschrockene Gesichter

Die erste Reaktion kam von der Verkäuferin: sie ist nämlich höllisch erschrocken und starrte entsetzt zu mir rüber. Und kurz darauf kam die Reaktion der potentiellen Kundin, die sich freute und meinte, das sei ja toll, wenn man begrüßt würde und das sei ihr schon lange nicht mehr passiert. Und so reagierte nicht nur eine Dame, so reagierten alle, die während der nächsten halben Stunde in den Laden kamen, denn so lange saß ich dort auf meinem Stuhl.

Das Unfassbare war, dass sich die Verkäuferin von meiner Freundlichkeitsoffensive überhaupt nicht beeindrucken ließ. Sie nahm es nicht auf, machte es nicht nach, nichts. Sie war genauso stumm wie vorher und glotzte weiter wie ein Karpfen in die Welt. Sie hat am Anfang sogar noch bös zu mir rübergeschaut, was ich mir erlauben würde. Als die Leute aber alle positiv reagierten, fing sie irgendwann an, das Ganze komisch zu finden: Sie musste mehrmals schmunzeln, ein paar Mal sogar lachen. Aber wie schon gesagt, sie hat selber immer noch nicht gegrüßt.

Begrüßungen haben fast schon Seltenheitswert

Ich habe dann die nächsten Tage darauf geachtet, wie oft man in Geschäften von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Reinkommen begrüßt wird. Und wenn Sie selbst mal darauf achten wollen, Sie werden erschrecken: Man wird nämlich fast nie begrüßt. Ich will Ihnen ein paar Beispiele geben:

Gehen Sie mal in Ihrem Supermarkt an die Brot- oder Wursttheke. In der Regel begrüßen Sie den Mitarbeiter hinter der Theke, aber sollte es nicht eigentlich andersherum sein? Stattdessen sagt er oder sie „Der Nächste bitte..“ oder „Ja bitte?“ oder einfach nur „Ja?“.

Sicherheitskontrolle
Sicherheitskontrolle

Ein anderes Beispiel: Der Flughafen. Es ist ja nun inzwischen wirklich keine Freude mehr, am Flughafen durch die Sicherheitskontrollen zu müssen: Alle Taschen muss man leeren, den Laptop öffnen, die Zahnpasta in der linken und das After Shave in der rechten Hand, alles verpackt in durchsichtigen Tüten, steht man ohne Gürtel und manchmal auch ohne Schuhe da und muss sich durchleuchten lassen. Manche Freunde sagen zwar, man würde sich irgendwann daran gewöhnen, aber ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich tue mich schwer damit. Da wäre es doch nett, wenn die Mitarbeiter dort wenigstens „Guten Tag“ sagen könnten. Ich erwarte ja gar nicht mehr, dass sie es zuerst sagen, aber wenigstens antworten könnten sie mir doch, wenn ich sie schon begrüße. Oder ist das wirklich zu viel verlangt? Stattdessen strafen sie mich wortlos mit einem derart bösen Blick, dass ich mich sofort für alle Probleme dieser Welt entschuldigen möchte. Ist denen eigentlich klar, dass die Hälfte von ihnen keinen Job mehr hätte, wenn wir wenigstens innerhalb von Europa öfter mal die Bahn nehmen würden?

Noch ein drittes und letztes Beispiel: Wenn ich meinen Sohn morgens zur Schule bringe, begegnen mir auf dem Parkplatz seine Lehrerinnen und Lehrer. Viele von ihnen laufen mit gesenktem Kopf ins Gebäude und umgehen so jede Chance zu grüßen, aber auch jede Chance, gegrüßt zu werden. Unsere Postbotin macht es übrigens genauso, sie läuft den ganzen Tag mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Grüßen - nein danke.

Ein Akt der Höflichkeit

Dabei ist das Grüßen, die Begrüßung, ein Ausdruck von grundlegender Höflichkeit und hat eigentlich nur wenig mit besonders gutem Service zu tun. Durchs Grüßen zeigt man dem Anderen nicht nur, dass er oder sie willkommen ist, man zollt Respekt und zeigt, dass man freundlich gestimmt ist. Natürlich gibt es dabei unterschiedliche Ausprägungen. Rechtsanwälte zum Beispiel schicken sich gegenseitig im größten Streit trotzdem freundliche kollegiale Grüße und solange die Grüße nicht nur freundlich, sondern auch kollegial geschickt werden, wissen sie, dass sich zwar die Mandanten streiten, die Anwälte aber nicht. Erst, wer den Zusatz „kollegial“ weglässt, macht sich unbeliebt, egal wie freundlich er dennoch grüßt.

Dabei wäre es doch so einfach, nett zu grüßen, wenn jemand zur Tür herein kommt. Ganz egal wo, ob in der Arztpraxis, im Hotel oder im Lebensmittelgeschäft. Und wenn dazu noch gelächelt würde, wäre das natürlich der absolute Hit. Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein Geschäft und man schaut Ihnen direkt offen in die Augen, lächelt Sie an und sagt klar und deutlich ohne zu nuscheln Guten Tag. Sie würden vermutlich denken, mit dem armen Menschen stimmt etwas nicht. Vielleicht ist er krank oder verwirrt, dabei begrüßt er Sie einfach so, wie es in vielen anderen Ländern der Welt ganz normal ist.

Exotische Außenseiter

Es gibt in Frankfurt übrigens eine Boutique, in der man so exotisch begrüßt wird. Sie liegt nicht in der Innenstadt, sondern schon am Rand der Stadt, dort wo die grauen 60er-Jahre-Wohnblocks an den Ausfallstraßen stehen. Der ganze Laden ist nicht viel größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer, aber wenn man hineinkommt, steht darin eine Frau mittleren Alters, die über das ganze Gesicht strahlt. Und nachdem sie einen mit einem herzlichen Lächeln begrüßt hat, als würde man sich schon lange kennen, bietet sie einem einen Espresso an. „Aber ich will mich doch nur umschauen“ sagt man dann, aber nein, den Espresso bekommt man auf jeden Fall, hübsch serviert von ihrer alten Mutter, die auch noch im Laden mithilft, mit Keks und einem Glas Wasser. Wir haben jetzt schon zweimal dort eingekauft und fahren extra die 20 Kilometer, weil wir dort freundlich und gut gelaunt bedient werden. Und weil man uns das Gefühl gibt, dass man sich für uns interessiert.

Wir Deutschen tun uns mit solcher ganz normalen Freundlichkeit oft unglaublich schwer. Gute Laune und Fröhlichkeit wird bei uns ganz oft als aufgesetztes Getue abgestempelt und Small Talk wird als oberflächliche Dampfplauderei abgetan. Aber das ist nicht so.

Genauso, wie ein gesunder Stolz nichts mit Arroganz zu tun hat, denn auch da haben wir Deutsche unsere Defizite, aber das ist ein anderes Thema. Genauso hat Freundlichkeit nichts mit Falschheit oder Oberflächlichkeit zu tun. Im Gegenteil, es hilft enorm im Zusammenleben, in der Zusammenarbeit und im Umgang mit unseren Mitmenschen, übrigens egal ob im Beruf oder im Privatleben.

Fazit und Übungen

Lächeln
Lächeln

Zwei kleine Übungen möchte ich Ihnen dazu vorschlagen. Zum einen: Wenn Sie morgens am Spiegel stehen, dann nehmen Sie sich mal eine Minute Zeit – länger dauert das nicht – und schauen Sie sich selbst in die Augen. Und ins Gesicht und auf die Mundwinkel. Und wünschen Sie sich selber einen guten Morgen und einen wunderbaren Tag. Und dann lächeln Sie sich selbst an. Denn dieses Gesicht sehen Ihre Kunden, Kollegen, Mitarbeiter und Freunde den ganzen Tag. Und Sie selbst können morgens am Spiegel entscheiden, welches Gesicht Sie der Welt heute zeigen wollen. Sie können jeden Morgen selbst entscheiden, ob Sie mit guter Laune den Tag beginnen wollen oder ob dieser Tag ihr Feind sein soll. Und ich verspreche Ihnen, es wird dann auch so kommen, wie Sie es sich vorstellen. Also lächeln Sie, lächeln Sie den ersten Menschen an, der Ihnen morgens begegnet. Und das sind nun mal meistens Sie selbst, beim Zähneputzen am Spiegel.

Und die zweite Übung: Tragen Sie das Lächeln in Ihre Welt. Begrüßen Sie Ihre Mitmenschen, Ihre Kollegen und Ihre Kunden. Nicht einfach so im Vorbeigehen, sondern offen, mit direktem Blick, klar und deutlich mit Ihrem Lächeln vom Spiegel. Denn eine Begrüßung, die von Herzen kommt, die wirklich den Menschen meint, kommt als Gesamtausdruck daher, mit ihrer ganzen Körpersprache. Probieren Sie es mal, grüßen Sie bewusst. Sie werden sehen, es macht Spaß und Sie werden tolle Reaktionen bekommen. Das Verrückte dabei ist nämlich: Die Anderen grüßen und lächeln zurück. Und das tut wiederum Ihnen gut.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie ganz herzlich, danke für Ihre Aufmerksamkeit und bis bald,

Ihr Wolfgang Foerster

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