Punktlandung Vorstellungsgespräch – Teil 6: Das Vorstellungsgespräch

Punktlandung Vorstellungsgespräch – Teil 6: Das Vorstellungsgespräch

Ein Vorstellungsgespräch-Leitfaden für Arbeitgeber mit über 60 Beispielfragen an Bewerber

Das Vorstellungsgespräch ist die Visitenkarte eines jeden Unternehmens. Es dient nicht nur der Sondierung und Auslese von geeigneten Kandidaten auf die ausgeschriebene Position, sondern gibt eben diesen auch einen ersten und nachhaltigen Einblick in die Unternehmenskultur. Deshalb empfiehlt es sich für jeden Arbeitgeber, sich entsprechend gründlich auf jedes einzelne Gespräch vorzubereiten und einen passenden Ablauf zu erstellen. Ich habe einen Ablaufplan mit Beispielfragen für Sie zusammengefasst.

Strukturelle Voraussetzungen für das Vorstellungsgespräch schaffen

Um für ein Bewerbungsgespräch optimal vorbereitet zu sein, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, sich als Arbeitgeber im Vorwege nochmals die Bewerbungsunterlagen zur Hand zu nehmen und hieraus wichtige Fragen für das Gespräch abzuleiten. Auch sind in diesem Zusammenhang die strukturellen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch mit den folgenden Fragen zu klären:

  • Wer muss in den Vorstellungsprozess eingebunden werden?
  • Ist der Entscheidungsweg klar bzw. sind die Entscheidungsbefugnisse geklärt?
  • Existiert ein definierter Gesprächsablauf?
  • Wurde ein Leitfaden mit zielgerichteten Fragen sowie ein einheitliches Bewertungssystem erstellt?
  • Wird genügend Zeit vor und während des Vorstellungsgespräches eingeplant?
  • Wo soll das Gespräch stattfinden? (Stichwort: ansprechende und ruhige Gesprächsatmosphäre)
  • Ist man auf mögliche Fragen seitens der Bewerber gut vorbereitet?

Hierüber Klarheit zu haben, hilft zum einen die notwendigen Strukturen für einen positiven Verlauf in einem Bewerbungsgespräches zu schaffen, andererseits vermittelt der potentielle Arbeitgeber einen positiven Eindruck dahingehend, dass der Bewerber bzw. die Bewerberin sich nicht wie lästiger Besuch, sondern als ein wertgeschätzter und ernstgenommener Kandidat oder Kandidatin fühlt. 

Vorstellungsgespräch führen – „Wer fragt, der führt!“

In der Regel unterteilt sich ein Bewerbungsgespräch in fünf Phasen. Hierzu sollte man sich im Vorwege mit auseinandergesetzt haben, um die Teilbereiche kompetent moderieren und authentisch gestalten zu können. Um überhaupt eine Vorstellung darüber zu bekommen, welche sinnhaften und tiefgründige Fragen in den jeweiligen Gesprächsphasen gestellt werden sollten, sind zu den jeweiligen Gesprächsabschnitten beispielhafte Fragen beigefügt, die als Anregung für weitere Fragestellungen dienen sollen. 

Phase 1: Einführungsrunde (Begrüßung & Small Talk):

  • Begrüßung des Bewerbers mit Namen
  • Führen in den Raum, wo das Gespräch stattfinden soll
  • Gegebenenfalls Vorstellung der weiteren Anwesenden mit Namen und Funktion 
  • Beginnen des Gespräches mit Small Talk zum „Warm werden“ (z.B. wie war die Anreise etc.)
  • Kurze Information zum Ablauf des Gespräches

Phase 2: Das Interview im Vorstellungsgespräch (Bewerbervorstellung und Fragen an den Bewerber)

Das Interview - Vorstellungsgespräch
Das Interview

In dieser Phase werden der Bewerber und dessen fachliche wie auch menschliche Eignung auf die zu besetzende Position im Unternehmen geprüft (Prüfung auf „Herz & Nieren“)

Reise durch den Lebenslauf, mit Fragen wie… 

  • „Bitte stellen Sie sich bitte einmal vor“ oder „Zu Beginn erzählen Sie bitte einmal von sich“.
  • Wussten Sie bereits nach der Schulzeit, was Sie machen möchten?
  • Was war Ihr Traumberuf in der Kindheit?
  • Wie sind Sie auf die Hotellerie/Gastronomie gekommen?
  • Woran haben Sie gemerkt, dass dies IHR Weg ist?
  • Wie sind Sie weiter vorgegangen?
  • Warum sind Sie damals von A nach B gegangen/gewechselt?

Fragen zur Bewerbungsmotivation (Welche Ziele werden mit dem neuen Job verfolgt?)

Die zentrale Frage lautet hier: Warum bewerben Sie sich bei diesem Arbeitgeber und auf genau diese Stelle?)

  • Warum wollen Sie Ihren bisherigen Job aufgeben?
  • Was haben Sie an Ihrem vergangenen Job (nicht) gemocht?
  • Was werden Sie an Ihrer jetzigen/letzten Tätigkeit am meisten vermissen?
  • Was denken Sie über Ihren letzten Vorgesetzten?
  • Was wissen Sie über unser Unternehmen?
  • Wie lange würde es brauchen, bis Sie bei uns einen signifikanten Beitrag leisten können?
  • Wenn Sie jemanden für diese Stelle interviewen müssten, auf was würden Sie besonders achten?

Fragen zur Persönlichkeit sowie zu seinen Stärken & Schwächen (Wer sind Sie?): 

  • Nennen Sie mir bitte drei positive Dinge, die Ihre ehemaligen Mitarbeiter/Kollegen über Sie sagen würden?
  • Und was würde er/sie negatives über Sie sagen?
  • Geben Sie mir ein paar Beispiele von Ideen, die Sie umgesetzt haben.
  • Was war Ihr größter „Misserfolg“ – und was haben Sie daraus gelernt?
  • Wenn ich Ihren ehemaligen Vorgesetzten fragen würde, welche Weiterbildung für Sie noch wichtig wäre – was würde er antworten?
  • Welche drei positiven Charaktereigenschaften zeichnen Sie aus?
  • Wovor haben Sie am meisten Respekt?
  • Nennen Sie mir jeweils ein Beispiel, wann Sie überdurchschnittliches und zu welchem Zeitpunkt unterdurchschnittliches geleistet haben? Was waren die Gründe hierfür?
  • Können Sie beschreiben, wie das war, als Sie für Ihre Arbeit kritisiert wurden?
  • Was irritiert Sie am meisten an anderen Menschen und wie gehen Sie damit um?
  • Sagen Sie mir etwas über sich, das ich Ihrer Meinung nach unbedingt wissen sollte?
  • Wohin möchten Sie sich in Ihrer Karriere hin entwickeln?
  • Was ist Ihr größter Erfolg, den Sie außerhalb Ihres Berufs erreicht haben?
  • Was sind Ihre großen Lebensträume?

Fragen zur Arbeitsweise:

  • Wie motivieren Sie sich?
  • Was war das letzte Projekt, an dem Sie gearbeitet haben und was war das Ergebnis?
  • Welche Techniken oder Werkzeuge nutzen Sie, um sich selbst zu organisieren?
  • Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie Ihre Tagesaufgaben unmöglich alle schaffen können?
  • Wie stellen Sie möglichst schnell Ihre Vertrauenswürdigkeit in Ihrem neuen Team unter Beweis?
  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ein „Nein“ als Antwort erhalten?
  • Erzählen Sie mir davon, wie Sie einen Kollegen kritisieren mussten. 
  • Haben Sie jemals in einem Team gearbeitet, in dem einer oder mehrere sich auf der Arbeit anderer ausgeruht haben. Wie sind Sie damit umgegangen?
  • Wie gehen Sie mit Veränderungen um?
  • Welche Aufgabe war für Sie zu schwer und wie haben Sie das Problem gelöst?
  • Was werden Sie in den ersten 30 Tagen dieses Jobs unternehmen?

Fragen zur Unternehmenskultur

  • Wie sieht das ideale Unternehmen für Sie aus?
  • Was wäre für Sie eine ideale Arbeitssituation?
  • Wann waren Sie in Ihrem Job am meisten zufrieden?
  • Welche Kultur reizt Sie mehr – strukturiert oder unternehmerisch?
  • Was trifft mehr auf Sie zu: Sie sind Detail orientiert – Sie sind visionär?
  • Was ist besser: Sollte ein Chef geliebt oder gefürchtet werden?
  • Was sind die zentralen Eigenschaften einer guten / Schlechten Führungskraft?
  • Was ist der Unterschied zwischen gut und außergewöhnlich?
  • Welche Konflikte haben Sie in Ihren bisherigen Jobs schon erlebt?
  • Wenn ich Ihr Chef wäre und würde etwas von Ihnen verlangen, von dem Sie nicht überzeugt sind – was würden Sie tun?

Spontaneitäts- und „Stressfragen“

Sanduhr - Spontaneität im Vorstellungsgespräch
Spontaneität

  • Wie würden Sie einen Veranstaltungsraum vermessen – ohne Maßstab?
  • Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft würden Sie wählen?
  • Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie gerne? Warum genau dieses?
  • Wenn Sie wählen können, jetzt an irgendeinem Ort dieser Erde zu sein, wo wären Sie?
  • Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
  • Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen?
  • Verkaufen Sie mir diesen Bleistift!
  • Nennen Sie mir 10 Dinge, wozu man einen Stift noch benutzen kann!
  • Was machen Sie, wenn Sie Spaß haben wollen?
  • Wie mache ich mich in Ihren Augen als Interviewer?

Charakterfragen & persönliche Werte

  • Nach welchen Werten leben bzw. handeln Sie?
  • Worauf sind Sie besonders stolz?
  • Was war die wichtigste Lektion, die Sie in der Schule/Ausbildung gelernt haben?
  • Wer hat Sie in Ihrem Leben entscheidend geprägt? Wie?
  • Gab es einen Menschen in Ihrer Laufbahn, der Sie verändert hat?
  • Welche Person ist für Sie ein Vorbild und warum?
  • Mit welchen Persönlichkeiten kommen Sie am besten zurecht und warum?
  • Was war die schwerste Entscheidung, die Sie in den vergangenen zwei Jahren treffen mussten?
  • Wann haben Sie etwas falsch gemacht. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?
  • Was bedauern Sie am meisten? Warum?
  • Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie für jemanden arbeiten müssten, der weniger weiß als Sie?

Phase 3: Die Unternehmens- und Stellenvorstellung

In der dritten Gesprächsphase besteht nun die Möglichkeit, das Unternehmen authentisch zu präsentieren, um dem Bewerber die potentielle, neue Tätigkeit schmachhaft machen zu können. 

  • Hierin sollte ein überzeugendes Bild von der Unternehmenskultur, den Werten, Visionen und der Entwicklung des Betriebes geschaffen werden. Auch sollten die Zukunftsaussichten bzw. weiterführenden Zukunftsplanungen mit angesprochen werden.
  • Geben Sie dem Bewerber eine Beschreibung des Tätigkeitsfeldes, der erforderlichen Qualifikationen, der Verantwortlichkeiten und der langfristigen Zielsetzungen an die Hand. Die Stellenbeschreibung ist dafür die Basis.
  • Finden Sie die Vorstellungen / Bedürfnisse des Bewerbers heraus und gehen Sie darauf ein. Zeigen Sie dem Kandidaten seine persönlichen Entwicklungsperspektiven im Unternehmen auf. Wie sieht seine mögliche Zukunft im Betrieb aus? Mit wem wird er zusammenarbeiten?
  • Stellen Sie dem Bewerber einen möglichen Einarbeitungsplan vor. Dieser erlaubt es ihm, bereits im Geiste mit seiner neuen Aufgabe zu beginnen.

Phase 4: Bewerber- bzw. Rückfragen

Häufig gestellte Fragen im Vorstellungsgespräch
Häufig gestellte Fragen

Auf diese Fragen sollten Arbeitgeber eine Antwort parat haben:

  • Welche Erwartungen haben Sie an mich?
  • Wie sieht die Einarbeitung in Ihrem Unternehmen aus? 
  • Wer übernimmt diese?
  • Wo liegen die speziellen Herausforderungen der Position?
  • Wo werde ich überall eingesetzt?
  • An wen muss ich berichten? Wer berichtet mir?
  • Durch welche Leistungen kann ich mir eine größere Verantwortung erarbeiten?
  • Welche Chancen und Möglichkeiten auf Fort- und Weiterbildungen gibt es?
  • Wie wird in Ihrem Betrieb mit dem Begriff „Life Balance“ umgegangen?
  • Wie hoch ist das Einstiegsgehalt?
  • Wie wird mit Überstunden umgegangen?
  • Gibt es vom Unternehmen Fahrtkostenzuschüsse?
  • Gibt es soziale Projekte? Wenn Nein: Warum nicht?

Phase 5: Abschlussphase & Verabschiedung nach dem Vorstellungsgespräch

Die Verabschiedung nach dem Vorstellungsgespräch
Die Verabschiedung

  • Klärung bzw. Erläuterung der weiteren Vorgehensweise
  • Zeitlicher Rahmen für die Rückmeldung
  • Wenn noch nicht geschehen: Hausführung und zeigen des zukünftigen Arbeitsplatzes
  • Vorstellung möglicher Arbeitskollegen
  • Begleitung bis zur Tür
  • Verabschiedung

Fazit zum Vorstellungsgespräch

Jeder Erfolg eines Unternehmens ist geprägt durch kompetente Mitarbeiter. Um diesen Status langfristig und nachhaltig beibehalten zu können, ist ein qualifiziertes Vorstellungsgespräch der erste, wesentliche Schritt dazu. Wie umfangreich ein solches geführt werden sollte, hängt zum einen von der zu besetzenden Position und zum anderen von den „Must Have“ Anforderungen ab. Wichtig hierbei ist, dass man als Arbeitgeber ein Gesprächskonzept verinnerlicht hat, dass eine authentische Ausstrahlung beinhaltet, dem Bewerber auf Augenhöhe begegnet und eine wertschätzende Atmosphäre verkörpert. Nur so wird es gelingen können, kompetente Bewerber und Bewerberinnen herauszufiltern und langfristig an das Unternehmen zu binden. 

Probieren Sie die eine oder andere Fragestellung in einem Bewerbergespräch mal aus. Sie werden überrascht sein, welchen anderen Verlauf ein solches Gespräch nehmen kann und wie Sie dadurch Ihr Gegenüber viel differenzierter, verlässlicher und tiefgründiger einschätzen bzw. beurteilen können.

 

Herzlichst,
Jan Schmidt-Gehring 

 

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