Der Fluch der Vorurteile – Ursachen, Auswirkungen und Ausweg?

Der Fluch der Vorurteile – Ursachen, Auswirkungen und Ausweg?

Länder erkunden und Klischees besiegen

Der Urlaub ist eine Zeit der Entspannung, der Erholung und der Abwechslung. Man kann ihn am Meer, in den Bergen oder einfach bei sich zu Hause verbringen. Hauptsache, man fühlt sich wohl und hat viel Freude dabei. Für meinen letzten Urlaub habe ich mich für eine Studienreise durch den Iran entschieden und mir dabei sehr viele Gedanken über Vorurteile gemacht.

Folgende Stimmen wurden laut…

Wie kannst Du bloß dahin fliegen?
Hast Du dabei keine Bedenken, dass Dir etwas passiert?
Was, in ein Land wo Frauen unterdrückt werden und sich verschleiern müssen?
Ein islamisches Land, bist Du wahnsinnig?

…die zu einer eigenen Selbstreflexion führten….

Worauf basieren solche Aussagen?
Was wissen wir von diesem Land?
Kennen wir die Iraner? Ihre Kultur? Ihre Traditionen?
Entspricht das Bild, das wir vom Islam übermittelt bekommen, überhaupt der Realität?

Meine Antworten dazu: Angst – Nicht viel – Nein – Keine Ahnung.
Für mich Gründe genug, eine solche Reise zu wagen, mit dem Hintergedanken,  mir persönlich ein Bild von diesem Land zu machen und alle damit verbundenen Klischees und Vorurteile zu beseitigen.

Don't go to Iran
Vorurteile

Was führt uns denn dazu, Vorurteile zu entwickeln und darauf basierend unsere eigene Meinung zu bilden?

Vorgefertigte Meinungen haben nur die anderen, denken wir. Stimmt aber nicht, denn sie beeinflussen unser aller Verhalten.

Sind wir Vorurteilen nicht zu sehr ausgeliefert?

Ausländer gefährden Deutschland, Frauen gehören an den Herd, Muslime sind intolerant und Schwule wider die Natur.

Sehen Sie das nicht so?

Nein? Zum Glück – aber Sie gehören damit einer Minderheit an.

Immer mehr Bundesbürger meinen, Deutschland sei in einem gefährlichen Maße überfremdet. Die Mehrheit der Europäer fordert, Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen und glaubt, der Islam sei eine intolerante Religion.

Schubladen-Denken
Schubladen-Denken

Selbst der, der nichts gegen Ausländer, Homosexuelle, berufstätige Frauen oder fremde Religionen hat, hat Bilder im Kopf und erwartet daher gewisse Eigenschaften von bestimmten Berufsgruppen, Kulturen oder Gesellschaftskreisen. Jeder Mensch hat Vorurteile. Er ist sich dessen, unter Umständen, gar nicht bewusst, denn Sie sind fest im Gehirn verankert und letztendlich eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Die meisten kennen allerdings auch die entgegengesetzt Position: Wer geschieden oder arbeitslos ist, blond oder dunkelhäutig, kennt das Gefühl in Schubladen gesteckt zu werden.

Vorurteile wahrnehmen und besiegen

Vorurteile haben jedoch nichts mit der Realität zu tun. Sie sind lediglich ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeitsphänomen – mit gesellschaftlicher Dimension. Durch Vorurteile wird das gesellschaftliche, soziale Zusammenleben gestört und die Wirtschaft kosten sie Geld. Klischees und vorgefertigte Meinungen in der Gänze loszuwerden ist unmöglich.

Wer allerdings weiß, wie Vorurteile funktionieren und unsere Eindrücke verfälschen, der kann verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen – und am Ende womöglich bessere Entscheidungen treffen.

Landschaft im Iran
Irans Landschaft (Didier Morand)

Gott sei Dank bin ich so einer, ansonsten wäre ich nie in den Iran geflogen. Eine eindrucksvolle Reise wäre mir so entgangen.

Vorurteile bilden sich in jedem Lebensalter

Die Schablonen des menschlichen Denkens bilden sich schon früh und sind ein fester Teil unserer Entwicklung. Von klein auf  lernen wir die Welt zu verstehen, werden dabei von unserem Umfeld beeinflusst und ordnen sie in Schulbladen ein – Gut und Böse, Schwarz und Weiß und so weiter. Mädchen sind brav, kichern und spielen mit Barbies. Jungs sind wild, weinen nicht und stehen auf Feuerwehrautos.

Selbst im Erwachsenenalter speichern wir Erlerntes in solchen assoziativen Netzen ab. Ausgehend von den eingebrannten Konzepten in unserem Kopf, erwarten wir von anderen Menschen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören:  zum Beispiel zu den Kopftuchträgerinnen.

Frauen mi Kopftuch
Kopftuch (Didier Morand)

Nur weil eine Frau ein Tuch über den Kopf trägt, ziehen Leute von ihrem Aussehen automatisch Schlüsse auf ihren Charakter und ihr Leben. Sie gehen davon aus, dass die junge Frau unterdrückt werde, schlecht Deutsch spreche, weder eine eigene Meinung noch Humor habe. Manche haben sogar Angst vor ihr.

Vorurteile waren überlebenswichtig

„Vorurteile sind Übergeneralisierungen unseres Gehirns“, sagt Martin Korte, Hirnforscher an der TU Braunschweig. Im Grunde sind sie ein Trick des Gehirns und dienen dazu, bei der Informationsverarbeitung Energie zu sparen. Sie waren früher überlebenswichtig.

Je schneller das Umfeld wahrgenommen und einordnen wird, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkprozesse. Auf diese Weise kann schneller auf mögliche Gefahren reagiert werden.

Entscheidend ist nicht die tatsächliche Gefahr, sondern es sind die Bilder und Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind. Diese dienen als Interpretations- und Verhaltenshilfen, als Heuristik. Kleidung, Herkunft oder Beruf helfen, wenn es schnell gehen muss, bei der Beurteilung, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht. 

Der Mensch muss kategorisieren

Der Mensch ist evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist. Sagt Andreas Zick, Professor für Sozialpsychologe an der Uni Bielefeld.

Er muss kategorisieren, um die Informationsflut möglichst gering zu halten. Seit Jahren erforscht Zick Vorurteile. Vor allem in der Not, wenn der Mensch Angst hat oder gestresst ist, verfällt er der Klarheit und stabilisierenden Wirkung der Vorurteile. Das sei eine sehr menschliche Reaktion – habe aber mit realistischer Wahrnehmung nichts zu tun.

Beim Anlegen der Denkschablonen saugt das Gehirn auf, was das Umfeld hergibt. Häufigkeit und Intensität des Erlebens sind dabei wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Informationen. Wenn nach einem Anschlag Medien und Politiker immer wieder von Selbstmordattentätern und dem Islam sprechen, dann speichert das Gehirn diese Verbindung ab. In anderen ituationen wird dieser gespeicherte Zusammenhang wieder unweigerlich und unbewusst aktiviert – obwohl wir eigentlich nichts gegen Muslime haben.

Das Schlimme dabei: es ist unfassbar schwer Vorurteile wieder loszuwerden, wenn sie erst einmal verinnerlicht sind. Denn sie übernehmen, ob wir wollen oder nicht, die Kontrolle über die Informationsverarbeitung – und bestätigen sich so immer wieder selbst. Was mit unseren Vorstellungen zusammenpasst, erkennen wir schneller wieder, gewichten wir stärker und glauben wir eher. 

Setzen wir uns mit unseren Vorurteilen auseinander und überlegen wir wie fundiert sie sind. Wenn wir etwas nicht kennen, sollten wir uns auch nicht darüber äußern bzw. sollten wir mit Fremdäußerungen sehr vorsichtig umgehen.

Fazit

Nach meiner Iran-Reise habe ich mich nun definitiv von meinen Vorurteilen diesem Land gegenüber gelöst. Welch ein großartiges Volk! Ich habe dort so geniale Menschen getroffen die ich wiedersehen möchte und es gibt noch unglaublich viel zu entdecken! Und glaubt mir, ich habe mich noch nie so lange mit Menschen unterhalten mit denen ich mich eigentlich gar nicht unterhalten konnte. Aber mit Händen und Füßen überwindet man scheinbar jede Sprachbarriere dieser Welt. Jedem der Lust auf Abenteuer, Gastfreundlichkeit und ein unheimlich facettenreiches Land hat, dem kann ich eine Reise in den Iran nur empfehlen.

Tempelanlage im Iran
Die Kultur Irans (Didier Morand)

Mir persönlich hat dieser Ausflug in die islamische Welt – eine an sich fremde und verpönte Welt – sehr viel Positives und eine enorme Kraft gegeben.

Also, packt euren Koffer bevor der Iran seinen Ruf als Geheimtipp verliert!

Bereist die Welt und kämpft gegen Vorurteile an.

 

 

Herzlichst

Didier Morand

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